vom 1. – 3. September 2017

Vitischanze

Uraufführungen im Rahmen des Festivals Spieltriebe am Theater Osnabrück in Kooperation mit der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Mannheim.

DAS HAUPT DER MEDUSA (UA)
Michael Barrett, David Holleber, Wataru Mukai, Daria Pavlotskaya, Emanuele Savagnone, Jonathan Schmieding

www.spieltriebe-osnabrueck.de

Osnabrücker Zeitung Von Ralf Döring  

Da wird zum Raum der Klang: „Das Haupt der Medusa“

Das Festival „Spieltriebe“ am Osnabrücker Theater setzt sich mit dem brisanten Thema „Macht*Spiel*Geschlecht“ auseinander. Mit einer Serie beleuchten wir Produktionen und verschiedene Aspekte des Themas. Dieses Mal begleiten wir junge Komponisten durch die Vitischanze.

Im Innenhof der Vitischanze wirft Wataru Mukai die existenziellsten Fragen auf, die sich ein Mensch stellen kann: Er spricht von Leben und Tod. „In Japan ist der Tod etwas Schönes“, sagt er. Seine Kultur verstehe das Leben als „Kreisbewegung“, sagt der 24-Jährige. So nähert sich also ein Japaner dem „Haupt der Medusa“, das auf der blauen Route der „Spieltriebe“ in die Vitischanze führt.

„Musiktheater-Installation“ in der Vitischanze

„Eine Musiktheater-Installation“ haben die Verantwortlichen das Projekt genannt. Denn wie eine Installation sollen sechs kleine Kompositionen die Räumlichkeiten der Vitischanze erfahrbar machen. Und da gibt es einiges zu entdecken, vom mächtigen historischen Turm bis zum ultramodernen Anbau, mit dem die Spielbank Niedersachsen GmbH das historische Gemäuer für ihre Zwecke erweiterte und den zuletzt die Hochschule Osnabrück genutzt hatte.

Seit sich die Hochschule verabschiedet hat, stehen die Räume leer und warten förmlich darauf, mit Leben gefüllt zu werden. Dafür zuständig sind sechs Studierende aus der Kompositionsklasse von Sidney Corbett, die sich mit dem Mythos vom „Haupt der Medusa“ beschäftigen. Es geht dabei um Macht und um Geschlechterrollen – die zentralen Motive der diesjährigen Spieltriebe. Die Verdammte mit den Schlangenhaaren dient den jungen Komponistinnen und Komponisten dabei als Assoziationsfeld für ihre Arbeiten; die Räume geben die akustischen Rahmen vor. David Holleber zum Beispiel wird einen kleinen Raum mit flachen Fenstern an der Rückwand mithilfe von zwei Klarinetten, zwei Querflöten und zwei Sängerinnen erkunden. Die Weißrussin Daria Pavlotskaya hat sich, wie Mukai, ein Motiv aus ihrer eigenen Kultur gesucht: Die Angst eines Mädchens vor der Hochzeit mit einem fremden und überdies auch noch alten Mann. Dabei setzt sie ganz auf die Kraft der musikalischen und darstellerischen Imagination: Statt eines Textes singt eine Sopranistin Vokalisen. Zwei Tänzer visualisieren die Musik, der Text aber bleibt „ein Geheimnis“, sagt Pavlotskaya. Nicht einmal der Titel des Stücks gibt einen Fingerzeig; wie ein zeitgenössisches Werk der bildenden Kunst heißt ihr Stück „Ohne Titel“. Zumindest bisher. Einziger Hinweis im Vorfeld: Der musikalische Duktus sei „typisch für Weißrussland“, sagt die Komponistin.

Sidney Corbett: „Eine Art Hebamme“

Schon bei den letzten Spieltrieben hatten sechs Studierende aus Corbetts Kompositionsklasse sich im echten Theaterleben ausprobiert. Auch damals war Corbett der stille Rückhalt, der „wie eine Art Hebamme“ hilft, die Kompositionen auf die Theaterwelt zu bringen. Das heißt: Er nimmt auf den Schaffensprozess so wenig Einfluss wie möglich. Vermutlich hat das dem Projekt sehr gut getan: Intendant Ralf Waldschmidt berichtet von der „konstruktiven und konfliktfreien“ Arbeit. „Gemeinsam haben wir den Geist des Projekts weiterentwickelt“, sagt Waldschmidt, und dabei lächelt er ehrlich erfreut.

Auch Christine Cyris ist, nach 2015, wieder im Team. Sie wird den fünf- bis zehnminütigen Werke ihr szenisches Gesicht verpassen. Mehr als damals aber ist die Arbeit diesmal nicht nur eine kreative, sondern auch eine logistische Herausforderung. Das Publikum wird nämlich in Gruppen von je 30 Personen durch die Räume geführt; das ganze sei, sagt Waldschmidt, „eine begehbare Installation“. Für einen schließlich dürfte „Das Haupt der Medusa“ zur sportiven Herausforderung werden: Für An-Hoon Song, den jungen Kapellmeister. Er übernimmt die musikalische Einrichtung, steht den Komponisten mit praktischem Rat zur Seite – und muss dafür sorgen, dass vier Opern gleichzeitig abschnurren, bevor sich alle zum Finale im größten Raum der Vitischanze treffen und erleben, wie der Amerikanier Jonathan Schmieding einen „dystopischen Gottesdienst“ mit Techno und Bach feiert. „Eine Orgie, die entgleist“, sieht Regisseurin Cyris darin, „mit einem offenen Ende“. Den zu Ende geht der „Spieltriebe“-Abend ja erst im Theater am Domhof.

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